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Ostende – 1936, Sommer der Freundschaft

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Ostende- 1936, Sommer der Freundschaft
Volker Weidermann
Kiepenheuer & Witsch Verlag
978-3-462-04600-7
17,99€

Beim Aufräumen der Belletristikwand in meiner Ausbildungsbuchhandlung fiel mir Ostende schon häufig in die Hände. Es hat mich äußerlich sehr an Die Herrlichkeit des Lebens von Michael Kumpfmüller erinnert, ein Buch, dass ich sehr liebe.  Es geht darin um Franz Kafka in den letzten Jahren seines Lebens, seine Kurreisen an die Ostsee und seine letzte Liebe Dora Diamant.
Ostende ist der Rückblick auf den letzten großen Sommer, 1936, einer Gruppe von Schiftstellern, zu denen unter anderem Stefan Zweig und Joseph Roth zählen. Ostende war ein belgischer Badeort, an dem vor allem die Schreibenden zusammen kommen, die in Deutschland und Österreich aufgrund des nationalsozialistischen Regimes nicht mehr publizieren dürfen oder nur noch geduldet werden.
Auch im Jahr 1936 kommen sie wieder zusammen, es ist das erste Jahr, in dem auch Irmgard Keun in Ostende weilt. Sie und Joseph Roth verfallen einander sofort, sie verbindet ihre Arbeit und der Alkohol. Sie verbringen ihre Tage auf Roths Zimmer und schreiben und schreiben und trinken. Ab und an treffen sie sich mit den anderen in einem Bistro.
Joseph Roth kam dank Stefan Zweig nach Ostende, welchen er verehrte. Auch Zweig schätzte Roths Arbeit, war sich aber schon früh bewusst, dass er durch seine Trunksucht seine Arbeit und sich selbst zerstören wird. Trotzdem unterstützt Stefan Zweig, der ein gefeierter Schriftsteller ist, Joseph Roth lange Zeit finanziell.
Für alle drei ist es der letzte Sommer in Ostende. Alle drei werden ihre Heimat verlieren, sie leben schon jetzt im Exil. Sie wissen, oder ahnen zumindest, dass sie nie wieder in ihre Heimat zurückkehren werden.
Das Ende des Buches ist allen, die sich mit Exilliteratur und ihren Autoren beschäftigen, bekannt. Stefan Zweig und seine Geliebte gehen nach Brasilien, er kehrt nur noch einmal kurz nach Österreich zurück. Er stellt die Unterstützung für Roth ein. Dieser, ein zerstörter Mensch, verzweifelt daran, dass Irmagard Keun ihn verlässt und mit einem neuen Mann nach Südfrankreich geht. Er erliegt gewissermaßen seiner Sucht und seiner Armut. 1939 stirbt er in Paris.
Ostende gibt es nicht mehr.

Das Buch geht einem unwillkürlich ein bisschen unter die Haut, wenn man bedenkt, dass all diese klugen Köpfe (dazu gehört zum Beispiel auch Thomas Mann) aus Deutschland vertrieben werden, weil sie jüdischer Abstammung sind oder einfach nicht mit den Nazis arbeiten.
Volker Weidermann spiegelt mitreißen eine Zeit der Flucht, Verzweflung, Heimatlosigkeit und Freundschaft.

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Ungeduld des Herzens

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell frei zu machen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale , aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies letzte hinaus.“

Stefan Zweig trifft, natürlich fiktiv, zweimal auf den ehemaligen Leutnant Hofmiller. Durch den Zufall und einen geschwätzigen gemeinsamen Bekannten kommen sie zueinander. Vormalig genannter Bekannte rühmt den Ex-Leutnant vor Stefan Zweig sehr über seine Ehrungen und Kriegsorden. Als Zweig dann aber mit jenem Hofmiller ins Gespräch kommt, erfährt er warum die Auszeichnung für diesen keine große Bedeutung haben.
Stefan Zweig betont, dass er die Geschichte von Hofmiller nur widergibt.

Österreich, 1914. Der 25-jährige Leutnant Anton Hofmiller kommt aus bescheidenen österreichischen Verhältnissen. Schon früh wird er in die Militärschule geschickt um dann später seine Eltern und seine fünf Geschwister versorgen kann. Er kennt sein junges Leben lang nichts, als militärischen Drill und Gehorsam.
Die Geschichte beginnt, als Hofmiller und seine Eskadron in eine kleine Provinzgarnison an die ungarische Grenze versetzt wird. Es ist eine kleine verschlafene Stadt, nahe bei Budapest und mit dem Zug fix nach Wien, wichtig für die jungen Soldaten, die nicht in dem kleinen Nest vergammeln wollen! Doch auch dort gibt es die ein oder anderen kleinen Neckereien am Wegesrand: Kaffeehäuser, diskrete Hotels und Bierstuben.
Im Mai 1914 schafft der Zufall, dass Leutnant Hofmiller ins Haus der Kekesfalvas kommt.
Herr von Kekesfalva, ein sehr alter kränklicher Mann, seine siebzehnjährige Tochter Edith und deren Cousine Ilona gehören zum kleinadeligen Haushalt.
Anton Hofmiller wird zu einem Diner im Kekesfalva’schen Anwesen eingeladen. Er streift durch das große Haus, lacht und trinkt mit den fremden neuen Bekannten und nach Stunden fällt ihm auf, dass er noch nicht einmal die Tochter des Hausherren zum Tanz aufgefordert hat. Der Beginn der Tragödie ist unvermeidlich, denn Edith ist gelähmt. Als Hofmiller sie auffordert zum Tanz gehen ihr die Nerven durch und sie schluchzt und weint und er flieht aus dem Zimmer. Ilona klärt ihn auf und er ist von dieser Tatsache so überfordert und geschockt, dass er von der Veranstaltung flieht.
Als er am nächsten Tag wieder klar denken kann, schickt er ihr einen großen Strauß Blumen und entschuldigt sich für sein Missgeschick.
Anton Hofmiller, von klein auf mit militärischer Strenge erzogen lernt zum ersten Mal das Gefühl Mitleid kennen. Eine so offenbare Behinderung des Lebens, wie Edith sie erleidet tut ihm mit ganzem Herzen Leid und in der weiteren Folge des Romans baut er auf der Basis dieses Mitleides eine freundschaftlich angehauchte Beziehung zu den jungen Frauen auf, vor allem zu Edith. Hofmiller ist berauscht von dem Gefühl, dass er mit Mitleid und Aufmerksam einem Menschen sein leiden leichter machen kann und nichts wird ihm lieber auf der Welt als dieses Fühlen.
Er kommt von nun an jeden Tag zu Besuch auf Kekesfalva. Edith, die von allen ‚das Kind‘ genannt wird ist ein verwöhntes junges Mädchen, dem viel Lebensgeist durch ihre Lahmheit geraubt wurde. Sie hat schon öfter versucht sich umzubringen. Und sie liebt Anton Hofmiller. In einer einzigen verstörenden Situation, wird Hofmiller klar, dass Edith keinesfalls Mitleid von ihm möchte, sie will überhaupt nie mehr Mitleid von Menschen. Sie möchte um ihretwegen geliebt werden. Aber Hofmiller kann sie nicht lieben, sie ist schließlich ein Krüppel. Das einzige Gefühl, was er ihr anbieten kann ist sein ehrliches, aufrichtiges Mitleid.

Herr von Kekesfalva lebt für die Genesung seines einzigen Kindes, nichts wünscht er sich mehr, als die Genesung Ediths. Ihre Krankheit wird deswegen von einem gewissen Doktor Condor behandelt, der selbst auch ganz für diesen Krankheitsfall lebt. Nur leider macht Edith keine Fortschritte und ihr Körper springt auf keine der Behandlungen an.
Kekesfalva sieht in Hofmiller seine und Ediths Rettung. Seit die beiden sich kennen, blüht Edith auf. Das macht dem alten Herren Hoffnung und bei seinem ersten Besuch auf dem Anwesen lernt auch Anton Hofmiller Doktor Condor kennen.
Kekesfalva beauftragt Hofmiller nun damit, aus Condor herauszubekommen, wie es wirklich um Edith steht.
Hofmiller erfährt bei dem Gespräch mit Condor von einer neuen Kur, die einen lahmen Patienten wieder zum Laufen gebracht hat. Er erwähnt auch, dass diese wahrscheinlich nicht auf Edith anwendbar ist. Und trotzdem: Hofmillers Mitleid geht soweit, dass er es den Kekesfalvas zukommen lässt.
Ab diesem Zeitpunkt gerät alles drunter und drüber. Condor und Hofmiller werden ‚Komplizen‘; Condor schickt Edith zur Kur und Hofmiller soll dafür sorgen, dass sie den Mut nicht verliert. Hofmiller gelingt gerade so das Vorhaben und an einem berauschenden Abend verlobt er sich aus Verzweiflung und Mitleid mit Edith. Sein Verstand arbeitet schon lang nicht mehr, er ist einzig von Gefühlen geleitet.
Er vollbringt einen turbulenten Abgang und Edith stürzt sich in ihrer Verzweiflung, ausgelöst durch Hofmillers Flucht in den Tod.
Hofmiller bleibt nur der Gang in den Krieg, und seine Schuld.Mord ist seine Schuld, vor dem Krieg und währenddessen.

„Keine Schuld ist vergessen, solange noch das Gewissen um sie weiß.“

Stefan Zweigs einziger Roman ist ein Crescendo aus Gedanken und Gefühlen. Es geht um Mitgefühl, Gewissen, Leidenschaft und Schuld.
Die Ungeduld des Herzens ist einmal die von Edith, die nichts begehrt außer reine Liebe um ihretwillen und Anton Hofmillers Kampf mit dem Gefühl Mitleid und dem Verhindern seiner Schuld.
Sprachlich ist dieses Werk herausragend und für einen Klassiker nicht einmal schwer. Die Handlung arbeitet sich erst langsam voran und wird dann immer heftiger immer parallel zu Hofmillers Gefühlen.
Fazit: beeindrucken und lesenswert.

Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren, hat Germanistik und Romanistik studiert. Er schrieb viele Novellen, Gedichte und Biografien, am berühmtesten sind Marie Antoinette und Maria Stuart. Er heiratet zweimal und lebte in London und New York. 1942 stirbt er mit seiner zweiten Frau Lotte den Freitod.

Heute gibt es ganz tolle Ausgaben von Ungeduld des Herzens:
Insel Verlag: hier!
oder
S. Fischer Verlag: hier!