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Die roten Orchideen von Shanghai – Das Schicksal der Sangmi Kim

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Die roten Orchideen von ShanghaiJuliette Morillot
Goldmann Verlag
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Die 1930er Jahre, Seoul, Korea. Das kleine Land leidet unter der japanischen Besatzungsmacht. Japan will zum Weltreich emporsteigen und dringt immer weiter Richtung Westen und Süden vor. Mittendrin: Kora unter japanischer Hand.
In Seoul lebt Sangmi als Kind einer wohlhabenden Familie, sie erhält Bildung und muss nicht hungern. Trotzdem: ihre Mutter entzieht ihr ihre Liebe und vor ihrem Vater fürchtet sie sich. Ihr einziger Halt sind die Eltern ihrer Mutter. Ihre Familie birgt ihr gegenüber ein dunkles Geheimnis.
Als Sangmi an einem Verbrechen beteiligt wird, schickt sie ihr Vater zu armen Verwandten in die Küstenstadt Mokp’o. Dort geht sie nicht mehr zur Schule, sondern kümmert sich um die Kinder der Familie. Sie befindet sich auf dem Weg zum Tempel, um dort nachzudenken und zur Ruhe zu kommen, als sie in die Fänge der japanischen Armee gelangt. Sie ist gerade 14 jahre alt und wird verschleppt. „Im Dienst der japanischen Armee“ soll sie nun arbeiten. Doch Sangmi hat keine Ahnung, was es mit dieser „Arbeit“ auf sich hat. Sie weißt nur: es gibt kein Entrinnen vor der neuen Pflicht. Sie muss einer nicht enden wollenden Reihe von japanischen Soldaten ihren Körper darbieten. Sie sieht viele ihrer neuen Gefährtinnen grausam sterben, ihr werden häufig gerade die genommen, die ihr am meisten Halt gaben. Aber Sangmi hat auch unheimlich viel Glück. Sie schafft es durch die Hilfe eines ehemaligen Englischlehrers aus Seoul (nicht ohne einen gewissen Preis dafür zu zahlen) in gewisser Weise aufzusteigen. Sie wird seine Mätresse und später auch Matrone eines Trosthauses.
Sangmi legt zwischen ihrem 15. und 20. Lebensjahr eine grausame, sehr weite Reise zurück, gefangen in der Tyrannei des aufstrebenden Königreiches. Von Seoul, Mokp’o über Shanghai, Singapur nach Hiroshima, wo für sie am 6. August 1945 die Freiheit beginnt; ein Tag, der Tausenden das Leben gekostet hat.

Juliette Morillots Roman Die roten Orchideen von Shanghai beruht auf einer wahren Geschichte. 1995 trifft die Autorin in Seoul auf eine alte Frau. Die berichtet ihr von einer finsteren, grausamen Vergangenheit und gibt all denen eine Stimme, die heute nicht mehr selbst davon erzählen können.
Dieses Buch ist die Geschichte einer starken und mutigen jungen Frau in einer Zeit, in der eine solche Kraft ift verlorengegangen ist. Nachdem ich die letzten Worte gelesen hatte, war ich schockiert und todtraurig. Diese Frauen waren noch Kinder, als sie unzählige Male vergewaltigt wurden. Sie sollten Männer Trost schenken, die zu Tieren gewordens sind, zu Stein erstarrtes Herz. Männer, die einem heute nur Leid zun können, so wie man Mitleid mit Sangmi bekommt. Nicht Mitgefühl, ich sträube mich sonst vor Mitleid. Aber Mitgefühl ist in diesem Fall wirklich unmöglich; man kann nicht mitfühlen, was Sangmi erleben musste. Aber mit jeder Seite dieses Buches wächst der schwere Klumpen im Herzen des Lesers. Und es hört einfach nicht auf, jahrelang, bis eine Atombombe allem ein Ende macht.
Ich
bin so tief getroffen, weil es wahr ist, was mit diesen jungen Mädchen geschah. Sicher, in dem Krieg sind auch viele andere Menschen unschuldig gestorben, aber diese Vergewaltigungen und Morde an Kindern so nah dargestellt zu bekommen zehrt ungemein an den Nerven.

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Singe, fliege, Vöglein stirb

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Singe, fliege, Vöglein stirb
Janet Clark
Loewe Verlag
978-3-7855-7752-312,00€

Ina und Aaron sind frisch verliebt. Es schein alles perfekt, würde Ina nicht die Leiche von Aarons Nachhilfe-Schülerin finden und beide sich nicht in ein Netz aus Lügen verstricken, obwohl sie sich nur gegenseitig unterstützen wollen.
Aaron gerät immer mehr ins Visier der Polizei und eines starrköpfigen Kommissars. Ina ist überzeugt, dass Aaron es nicht gewesen ist und verteidigt ihn vehement, auch im Internet. Daraufhin zieht ein riesiger Shitstorm über sie, ihre Familie und Aaron hinweg. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit selbst zum gefundenen Futter für die Polizei macht. Der ermittelnde Kommissar macht mächtig Druck auf Ina, bis sie bald keinen Ausweg mehr sieht und untertaucht. Ihre Hilflosigkeit treibt sie in die Arme eines alten bekannten, dem sie noch einen Gefallen schuldig ist. Sie versuchen gemeinsam herauszufinden, wer das junge Mädchen umgebracht hat und warum. Auch Aaron ermittelt selbst mit seinem besten Freund.
Doch als am Ende die Wahrheit ans Licht kommt, stürzen alle Beteiligten richtig in Gefahr.

Singe, fliege, Vöglein stirb ist Janes Clarks dritter Thriller für Jugendliche. Von ihren ersten beiden Büchern (Schweig still, süßer Mund und Sei lieb und büße) war ich schon total begeistert! Und auch dieses Mal war ich total gefesselt von der Geschichte. Die Autorin schafft es wircklich einen tollen Spannungsbogen zu ziehen, der Thriller ist von vorn bis hinten ausgeklügelt und fesselnd.
Ich kann die Jugendbucher von Janet Clark wirklich jedem ans Herz legen, der Spannung liebt und Überraschungsmomente. Sie greift in ihren Büchern wirklich wichtige und interessante Themen für Jugendliche auf, Dinge, die in deren Welt wirklich eine Rolle spielen: Internet, Handys, Freundschaft, Verliebtsein, Eifersucht – und das ganz ungekünstelt, sondern wahr.

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Journeyman

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Journeyman
Fabian Sixtus Körner
Ullstein extra Verlag
978-3-86493-014-0
14,99€

Fabian hat einen Plan – mehr oder weniger. Er macht sich auf den Weg um die Welt: als Wandergeselle. Ohne Geld um die Welt, für Kost und Logis arbeiten. Mit nur 255€ auf dem Konto setzt er sich in den Flieger nach Shanghai.

Er hat sich für sein Projekt als Wandergeselle vorgenommen in zwei Jahren auf jedem Kontinent gewesen zu sein. Sein Vorbild sind dabei die Gesellen aus dem Mittelalter. Damals sind ausgelernte junge Männer ausgezogen und gereist um zu lernen und Erfahrung zu sammeln. Fabian stützt sich dabei auf Kontakte von früheren Reisen, manchmal fliegt er auch einfach ins Blaue oder auf Empfehlung vom ehemaligen Arbeitgeber.
In seiner Heimat Deutschland hat Fabian Innenarchitektur studiert und unterwegs will er in diesem Feld neue Entdeckungen machen und sich „fortbilden“. Er arbeitet aber auch zum Beispiel als Fotograf oder Graphiker oder Festival-Veranstalter oder…

Journeyman weeckt die Reiselust; manchmal weniger aber meistens mehr. Fabian erzählt mit Witz aber auch Gefühl von seiner Reise, seinen Eindrücken, seinen Gedanken und Erlebnissen. Es ist sehr sehr spannend und er schafft es auch, dass der Leser ein Bild von der ihm unbekannten Welt schaffen kann.
Bei mir wurde wieder einmal das Reisefieber geweckt, und genau das hatte ich mir von dem Buch erhofft! Fabian Sixtus Körner hat eine Art zu reisen gezeigt, die ein bisschen ist wie Work&Travel nur anders.
Es ist ein Buch für alle jungen Frauen und Männer, die noch diese Welt entdecken wollen.

Mehr über Fabians Reise in seinem Buch oder hier: www.fabsn.com

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Die Landkarte der Liebe

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Die Landkarte der Liebe
Lucy Clarke
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-30085-89,99€

„Die meisten Menschen verreisen aus zwei Gründen: Sie suchen etwas, oder sie fliehen vor etwas. Für mich gilt beides.“ – Mia

Katie ist am Boden zerstört. Ihre kleine Schwester Mia wird tot am Grunde der balinesischen Klippen gefunden. Die Polizei geht von Selbstmort aus.
Mia und ihr bester Freund Finn haben sich kurzentschlossen auf die Reise gemacht: San Francisco, Australien, Neuseeland… Mia war schon immer leichtfüßig und spontan, Katie fagegen eher vernünftig und genau getimt.
Als Katie von der Polizei erfährt, was mit Mia passiert ist, kann sie es nicht glauben. Mia würde sich nie selbst umbringen! Außerdem lag doch Bali gar nicht auf ihrer Route. In Mias Rucksack, der ein paar Wochen nach der Unglücksmeldung bei Katie ankommt, findet sie deren Reisetagebuch. Schon bald ist ihr klar, wenn sie herausfinden will, was wirklich mit Mai passiert ist, muss sie sich selbst auf die Reise machen. Sie nimmt das Tagebuch, Mias Ruchsack und lässt ihren Verlobten, die Hochzeitsvorbereitungen und ihren Job in London zurück und steigt in eine Flugzeug nach San Francisco.

Welche Person steht einer Frau näher, als irgendjemand anderes? Richtig, ihre Schwester (insofern sie eine hat). Jeder, der Geschwister hat, wir mir hier zustimmen: so gern man sie ab und an auf den Mond befördern möchte, es gibt niemanden, der einen besser kennt und mit dem man enger verbunden ist, als mit dem eigenen Geschwisterkind.
Der Roman von Lucy Clarke dreht sich genau um dieses Thema. Mia und Katie sind grundsätzlich verschieden, aber als Kinder unzertrennlich.
Als sie älter werden entferenn sie sich voneinander. Die Mutter der Schwester stirbt, einen Vater gibt es nicht mehr, und Katie glaubt nun, Veatnwrotung für Mia übernehmen zu müssen, obwohl beide längst erwachsen sein. Sie ist von dem plötzlichen Plan ihrer Schwester, eine große Reise machen zu wollen, total überrumpelt. Ihr fällt es schwer, sie einfach ziehen zu lassen. Doch Mia hat ihre eigenen Pläne, will an den Ort, wo ihr Vater lebt und wissen, warum er sie alle verlassen hat.
Katie macht sich auf genau die selbe Reise und lernt dabei ihre Schwester neu kennen und auch sich selbst. Durch Mias Tagebuch kann sie direkt aus der Seele ihrer Schwester lesen und lernt Dinge, die ihr über Liebe, Sehnsucht und Vertrauen selbst noch völlig fremd waren.

Die Landkarte der Liebe ist Lucy Clarkes erster Roman. Sie konnte mich von Thema und Sprache sofort für sich einnehmen. Ich habe sowohl alles über die Thematik „Schwester-sein“ ausgesogen, sowie auch ihre Reisebeschreibungen unendlich genossen. Die Geschichte ist so schön und herznah, sie geht einfach unter die Haut.
Ich finde es immer auch sehr interessant, wie Autoren darstellen, wenn  Personen sterben, die den Protagonisten nahe stehen. Lucy Clarke hat es sehr echt und authentisch geschafft, Katies Gefühlschaos nach Mias Tod zu beschreiben.
Mein einziger Kritikpunkt betrifft Covergestaltung und Titel. Der deutsche Titel lässt einfach nicht durchblicken, dass es eine Geschichte über Schwestern ist. Das Buch sieht äußerlich auch viel zu kitschig aus, deswegen hatte ich lange keine Ambitionen, es zu lesen.
Und zum Abschluss noch eine Sache: Die Autorin hat mein Reisefieber geweckt! Dank ihres Romans bilden sich inm einem Kopf so langsam Pläne für meine eigene „große Reise“.
Insgesamt muss ich sagen, war es ein sehr schöner Roman zum Träumen, aber auch zum nachdenken. Nachdem ich das Buch zugeklappt hatte, musste ich meienr Schwester erst einmal eine SMS schreiben, wie lieb ich sie habe. Mir ist klar geworden, dass man seine Zeit genießen muss und das Leben zu klurz für Streit ist.

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Die Verlobungen

Cover Die Verlobungen

J. Courtney Sullivan
Die Verlobungen
Deuticke Verlag
978-3-552-06244-3
21,90€

Frances ist jung, unverheiratet und erfolgreich – und das 1947, eine Zeit in der junge Frauen wie sie sich langsam aber sicher um einen Ehemann bemühen sollten. Aber Frances ist klar, sie ist einzig und allein mit ihrer Arbeit verheiratet und für sie steht fest, dass sich das auch niemals ändern wird. Ihr Job als Werbetexterin in der zur Zeit größten und erfolgreichsten Werbeagentur der USA ist alles für sie.
Das Paradoxon ihrer Arbeit: ihr Hauptkunde ist der weltweit größte Diamantenlieferant De Beers. Sie etabliert den diamantenen Verlobungsring unter den Frauen dieser Welt und entwirft den bekannten Slogan A Diamond is forever. Frances selbst möchte aber lieber nicht einen solchen Ring als Beweis wahrer Liebe am Finger tragen. Ihre Beziehungen zu Männern waren nie von langer Dauer.
Mary Frances Gerety heiratete nie, aber weckte in der ganzen Welt den Wunsch nach dem einzigartigen Liebesbeweis: den diamentenen Verlobungsring.

Die Verlobungen ist ein Roman über Liebe, Ehe und Partnerschaft im Verlauf des letzten jahrhunderts. J. Courtney Sullivan nimmt ihre Leser mit auf eine Reise durch die Geschichte der Entwicklungen der Beziehung zwischen Mann und Frau. Dabei lässt sie nichts aus, von Herzbrechen bis großer Liebe und fulminanter Hochzeit.
Mary Frances Gerety hat wirklich gelebt. Mit ihr ist das Bedürfnis fast jeder Frau nach dem Diamantring aus der Hand ihres Geliebten gewachsen. Im Laufe der Zeit ist er zur Tradition geworden, zum festen Bestandteil einer festen, ehrbaren Liebe.  Sullivan erzählt von ganz unterschiedlichen Partnerschaften zwischen 1947 und 2012. Da ist natürlich Frances, die ganz und gar nicht heiraten will; dann gibt es Evelyn, für die es 1972 die größte Schande für ihre Familie ist, als sich ihr Sohn scheiden lassen will und dann gibt es da noch Kate, die sich 2012 mit ihren Freund Dan und ihrer beider Tochter Ava auf die Hochzeit ihres Cousins Jeff vorbereitet – mit einem Mann. Es gibt noch weitere Paare, die in noch anderen Zeiten des Jahrhunderts leben, aber alle verbindet eines: ein Diamantring für Damen: zwei große Diamanten im gleichen Schliff und von gleicher Größe. Zusätzlich einige kleine Steine drum herum. Wie eine Blüte. Damit wären wir wieder bei Frances, die all die Sehnsüchte der Frauen geweckt hatte und somit eine Tradiotion begründet hat, die es heute noch weltweit gibt.

J. Courtney Sullivan schreibt mit viel Präzision und Liebe zum Detail. Es gelingt ihr fabelhaft, so viele verschiedene Varianten von Partnerschaften darzustellen. Die Verlobungen fundiert auf einer wahren Geschichte, von Sullivan weiterentwickelt zu einem Roman, der die persönliche Meinung des Lesers herausfordert. Sie regt zu Überlegungen an, über die man nicht nachdenkt, weil man immer den Weg entlang geht, wie er immer war. Aber sie versucht keinesfalls, von etwas zu überzeugen.
Es ist ein Buch für alle Frauen von zwanzig bis einhundert jahren, die von der Traumhochzeit schwelgen oder schon viele Jahre Ehe hinter sich haben; für Frauen, die sich auf alte Traditionen berufen oder auch für neue Denkweisen offen sind. Jede Leserin wird ihre Lieblingsperson in diesem Roman finden und sie zu ihrem persönlichen Protagnisten erheben, denn diese Wahl hat Sullivan gekonnt ihrem Publikum überlassen.
Sprachlich hat das Buch viel Witz und Leichtigkeit. Es gibt aber auch schwere Brocken, die man erst einmal verdauen muss. Als Leser fiebert man mit jedem Paar und jeder Geschichte mit.
Ein wahres Leseerlebenis.

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Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

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Thomas Meyer
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Diogenes Verlag
978-3-257-86242-3
10,90€

„Ein Leben lang hatte ich im glojbn gelebt, nur zwischen weißem Hemd eins, weißem Hemd zwej und weißem Hemd drej wählen zu können, und mir nie darüber gedankn gemacht. Nun machte ich mir welche. Farbige hemdn kamen darin vor. Und Jeans. Und Nichtjüdinnen in Jeans. Eine im Speziellen.“

Motti Wolkebruch ist ein junger orthodoxer Jude aus Zürich. Er hat ein Problem: seine mame will unbedingt, dass ihr Jüngster endlich heiratet. Er ist 25 Jahre alt, alt genug, findet sie. Die Kadidatinnen, die sie ihm vorstellt, sind ihr aber leider alle unheimlich ähnlich.
Vor seinem inneren Auge erscheint jedoch immer wieder das Bild von Laura, einer Kommilitonin von der Universität und sie ist Nichtjüdin, nein, sie ist eine richtige schikse. Laura trägt Jeans, trinkt Alkohol und redet, wie ihr der Mund gewachsen ist. Motti kommt in einen Konflikt mit sich selbst: ist der strenge orthodoxe Glaube und der ihm vorgezeichnete Weg wirklich das, was er selbst vom Leben will?
Er wendet sich immer mehr von seinem Glauben ab und Laura zu und damit der anscheinenden Freiheit.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse ist ein auf der einen Seite ein sehr komischer Roman, auf der anderen Seite ein wirklich ernstes Buch über Religion, Religion heute und Freiheit und über den inneren Konflikt, der dadurch entsteht.
Das Besondere an Meyers Roman ist, dass er Mottis Sprache spricht: Jiddisch. Der Text ist mit vielen jiddischen Begriffen durchsetzt, die man aber entweder durch lautes Vorsprechen versteht oder im Glossar im hinteren Teil des Buches nachschlagen kann. Viele Worte sind dem Sächsischen sehr ähnlich, also war es für mich sehr leicht, Motti zu verstehen.
Außerdem ermöglicht dieser Roman einen sehr tiefen Eindruch in das Judentum. Motti lebt in den Tiefen dieser Religion, festgehalten von seiner mame. Als diese ihm aber die vielen möglichen zukünftigen Bräute vorsetzt, kommen Motti Zweifel an seinem Glauben und seinem Schicksal und nimmt langsam aber sicher sein Leben in die eigenen Hände. Das ist ein mutiger Schritt.
Für den leser ist es eine eigentümliche Erfahrung, mit wie viel Unwissen Motti in der normalen Welt umhergeht. Aber es war auch eine sehr lehrreiche und kurzweilige Erfahrung.

ACHTUNG, Wer mehr wissen möchte: Thomas Meyer liest bei uns an der Ausbildbar auf der Buchmesse in Leipzig.

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Der Vogelmann

9783442451739

Der Vogelmann
Mo Hayder
Goldmann Verlag
978-3-442-45173-99,95€

Durch einen Zufall kommen zwei Männer zueinander, die ein außergewöhnliches Verlangen teilen: tote Frauen. Der eine tötet sie auf einer fast spurenlose Art und Weise und der andere führt danach Operationen an ihren Opfern durch, um sie einer Frau gleich zu machen, die er noch immer liebt und in einem großen Finale sein Eigen machen will.

Jack Caffery wird in den frühen Morgenstunden von einem Anruf geweckt: auf dem Gelände einer alten Betonfabrik werden fünf Leichen gefunden, alles junge Frauen, stark geschminkt und drogenabhängig.
Mit einer Spezialeinheit und seinem neuen Team beginnt Caffery die Ermittlungen. Sie suchen nach einem Serienmörder, der weil welche der Frauen nich vermisst werden, denn sie haben alle noch eine Gemeinsamkeit: sie waren Prostituierte. Die Ermittler begeben sich in ein verrufenes Milieu dessen Mittelpunkt das Pub Dog and Bell ist. Er trifft auf die junge Rebecca und deren Mitbewohnerin Joni. Rebecca wird für Caffery bald mehr als eine Zeugin eines Serienverbrechers und Joni wird der Schlüssel zu dem Geheimnis um den Vogelmann sein. Doch das wird ihm erst bewusste, als die beiden Frauenspurlos verschwinden.

Mo Hayder hat mich von der ersten Seite an komplett für sich eingenommen. Der Vogelmann ist der erste Teil um den Ermittler Jack Caffery. Jack ist ein psychisch sehr anspruchsvoller aber interessanter Charakter. Er hat nie das Verschwinden seines Bruders im Kindesalter überwunden und sucht in seiner Freizeit krampfhaft Indizien, die dafür sprechen, dass sein Nachbar etwas damit zu tun hat. Jack trägt Einsamkeit und Wut in sich, ist eher introvertiert. Doch ab und zu bricht ein Teil dieser Wut einfach aus ihm heraus.
Der Roman ist ein mit höchstem Scharfsinn komponiertes Buch. Die Autorin greift die Krankheit Nakrophilie auf und der Leser muss sich Auge in Auge mit diesem krankhaften Verlangen auseinandersetzen. Das Buch ist in verschiedenen Sichtweisen geschrieben, es gibt die Ermittler-, Opfer- und Täterperspektive, alle in hervorragender Genauigkeit skizziert.
Der Vorgelmann ist ein sehr packendes Buch, es hat mich total in seinen Bann gezogen. Mo Hayder hat einen fesselnden Schreibstil und es wird ganz sicher nicht das letzte gewesen sein, was ich von ihr gelesen haben werde.