Wüste

So hier ist sie: Die Rezension zu meinem selbstgewählten Nobelpreisträgerautor und den ich ja schon berichtet habe.

1989 Deutsch bei Kiepenheuer&Witsch

1989 Deutsch bei Kiepenheuer&Witsch

Titel: Wüste
Autor: Jean-Marie Gustave Le Clézio
Originaltitel: Désert
ISBN: 978-3-462-04121-7
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag
Erscheinungsdatum: 13. Oktober 2008
Preis: 8,95€
Genre: Bildungsroman

Inhalt
Lalla Hawa lebt nach dem Tod ihrer Mutter bei der Familie ihrer Tante Aamma in einer Randstadt am Meer. Die junge Marokkanerin liebt und lebt und hört und sieht ihre eigene Welt. Sie liebt es durch die Dünen zu streifen, Bäume und Möwen zu beobachten und sich Geschichten vom alten Fischer Naman anzuhören. Ihr liebster Weggefährte ist der Hartani, ein stummer Hirte der von einer Familie im Dorf adoptiert wurde. Sie verstehen sich mit Blicken und sind Seelenverwandte. „Vielleicht ist sie die einzige, die ihn gut kennt, weil sie nicht in Worten zu ihm spricht. Sie blickt ihn an und liest im Licht seiner schwarzen Augen, und er blickt ihr tief in die bernsteinfarbenen Augen; er blickt ihr nicht nur ins Gesicht, sondern wirklich ganz tief in die Augen, und so versteht er, was sie ihm sagen will.“
Dann kommt ein älterer Mann im grauen Anzug in die Cité, der Geld hat und Lalla heiraten möchte. An diesem Abend flieht sie aus dem Haus ihrer Tante über die Dünen ans Meer. Das ist auch die Zeit in der der Fischer Naman schwer an einem Fieber erkrankt. Als der Mann zum zweiten Mal kommt und wieder Berge von Geschenken mitbringt geht Lalla. Sie besucht noch einmal Naman, der in der Nacht von Lallas Flucht stirbt. Nun hält sie nichts mehr in der Cité, denn der Hartani kommt mit ihr. Sie laufen und laufen und folgen den Sternen. „Als ihre Haut die Haut des Hartani berührt, geht eine schwindelerregende seltsame Hitzewelle durch ihren Körper. Das ist die Hitze der Sonne, die den ganzen Tag lang in ihren Körper gedrungen ist und die jetzt hervorbricht in langen fiebrigen Wellen. Ihr Atem vermischt sich, denn Worte sind nicht mehr nötig, nur noch das, was sie fühlen.“
Im zweiten Teil des Buches lebt Lalla in Marseille. Sie ist mit dem Schiff gekommen, ihre Tante Aamma lebt mittlerweile dort um Geld für ihre Familie zu erarbeiten. Dort kommt sie zuerst unter. Sie erlebt die Freiheit, sie tut was sie will. Lalla hat von einem anderen Leben geträumt, in dem es keine Männer in grauen Anzügen gibt. Was die schwangere Lalla aber in Marseille erlebt ist ganz anders als das kleine heimliche Glück ihrer Wüstenheimat. Sie hat eine unstillbare Sehnsucht und läuft oft zum Meer, einfach um es zu sehen, den Wind zu spüren und nach den Möwen zu rufen.
Sie findet Arbeit in einem kleinen heruntergekommenen Hotel, in dem vor allem Gastarbeiter und Schwarze leben.
In der Stadt lernt sie auch Radicz kennen, einen jungen Bettler, der in einer Gemeinschaft mit anderen Jungen und Mädchen bei dem „Chef“ lebt. Für den muss er klauen und betteln und von ihm lernt er auch all die Kniffe, die das Überleben ohne Identität in so einer großen Stadt möglich macht. Radicz stirbt, als er vor einen Bus läuft, nachdem er bei einem Einbruch in ein Auto gesehen und von der Polizei verfolgt wird.
Das, und das Leben in Armut und Grau bringen Lalla am Ende dazu wieder zurückzukehren. Man weiß nicht, was aus dem Hartani wird und aus Lallas Kind, von dem man noch die Geburt erlebt, aber das auch das rührende Ende der Geschichte ist.
In einem durch den Druck extra gekennzeichneten zweiten Handlungsstrang legt Le Clézio die Zeit dar, in der Lalla in den arabischen Ländern aufwächst. Sie ist geprägt durch Glaubenskriege und Kolonialherrschaft. Dieser Nebenstrang wird mit dem jungen Mann Nour verkörpert.

 Aufbau, Schreibstil, Perspektiven
Lallas Geschichte wird in zwei großen Abschnitten erzählt, die eine schildert das Glück in ihrer Heimat und das zweite das graue Leben in Marseille. Unterbrochen wird es durch Nours leben in der Wüste zwischen den verschiedenen Wüstenstämmen und der Kriege.
Le Clézio hat eine anmutige poetische Sprache, die mich sehr entspricht. Er zeichnet sehr schöne Bilder, mal kräftiger und mal zarter, je nach der Situation in der sich Lalla befindet. Man kann förmlich Wind, Sand und Sonne auf der Haut spüren.
Im kompletten Roman geht die Perspektive von einem auktorialen Erzähler aus. Er kennt alle handelnden Personen und ihre Geschichten von Lalla über den Hartani und Radicz bis zu Nour.

Meine Meinung
Le Clézio ist ein Künstler! Er malt die Bilder der Wüste in gleißenden Lichtern bunten und grauen Farben. Lallas Gefühle sind anhänging von der Natur, weniger von Menschen. Dem Autor gelingt es auf jeden Fall den Leser in einen andere Welt zu versetzen, schon von der ersten Zeile an. Er rührt den Leser an.
Trotzdem ist Lalla für mich eine sehr weltfremde Person, obwohl man gut in sie hineinfühlen kann. Sie ist schon eine ältere Jugendliche, zwischen 16 und 18 Jahren, mit sehr kindlichen Gedanken. Sie hat aufgrund ihrer Herkunft keinen hohen Bildungsstand, was diese Perspektive realistisch macht.

 Fazit
Ein sehr lesenswertes Buch. Es nimmt den Atem und lässt einen fliegen, vor allem aber weckt es die Sehnsucht. Erst nach etwas Unbekanntem und am Ende nach der Heimat, nach allem, was man kennt.

 Autor
J.M.G. Le Clézio, 1940 in Nizza geboren, studierte in Frankreich und England Literatur. Er veröffentlichte über 40 Bücher – Romane, Erzählungen, Essays – und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Hauptsächlich lebt er in Frankreich und New Mexiko. 2008 wurde Le Clézio mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. (www.kiwi-verlag.de)

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